Presseinformation

Kartographien des Wachstums – Katinka Bock im Dialog mit Lois Weinberger

Do 5. 2. 2026, 11 Uhr

7. 2. – 7. 6. 2026

Eröffnung Freitag, 6. 2. 2026, ab 18 Uhr

Vom 7. 2. bis 7. 6. 2026 wird das Museum Marta Herford zum Schauplatz ungewöhnlicher Prozesse. In der Doppelausstellung von Lois Weinberger (1947–2020) und Katinka Bock (*1976) werden auf poetische Weise Prozesse sichtbar, die sich menschlicher Kontrolle entziehen: Materialien reagieren, Räume verschieben sich, natürliche Kräfte hinterlassen Spuren – im Innern des Museums ebenso wie im Außenraum. Begleitet wird die Ausstellung von einem umfangreichen Rahmenprogramm mit Filmvorführungen, Künstlergesprächen und Workshops.

Wenn Pflanzen durch Asphalt brechen oder Wasser sich seinen eigenen Lauf bahnt, offenbaren sich Prozesse, die sich menschlicher Kontrolle entziehen. Was im Alltag meist als Störung wahrgenommen wird, rückt in der Doppelausstellung mit Werken von Lois Weinberger und Katinka Bock ins Zentrum der künstlerischen Aufmerksamkeit. Beide Positionen verbindet ein sensibles, beobachtendes Interesse an natürlichen sowie physikalischen Vorgängen – an Wachstum, Bewegung, Veränderung und Spuren. In der Ausstellung entfaltet sich ein Dialog zweier Künstler*innen, die verschiedene Medien nutzen, um vermeintlich verborgene Prozesse in der Natur sowie physikalische Kräfte in ihre Werke einzubeziehen. Poetisch, philosophisch und politisch hinterfragen beide künstlerischen Praktiken bestehende Hierarchien zwischen Kultur und Natur ebenso wie zwischen Offensichtlichem und Übersehenem.

Der Vorreiter ökologisch-engagierter Kunst

Im Kern des Werks von Lois Weinberger steht die Auseinandersetzung mit Pflanzen und der gewachsenen Umwelt. Eine besondere Aufmerksamkeit gilt dabei sogenannten Ruderalpflanzen – Pflanzen, die allgemein als Unkraut bezeichnet werden. Weinberger macht sie nicht nur zum Thema seiner Arbeiten und Beobachtungen, er gibt ihnen auch Raum als aktiven Protagonisten seines Werks. Legendär ist seine Arbeit Das über Pflanzen ist eins mit ihnen für die documenta X 1997, bei der er ein stillgelegtes Bahngleis mit Neophyten, also nicht heimischen, durch Migrationsprozesse verbreitete Pflanzen, bewachsen ließ.

Die Arbeit Portable Garden (1996/2026), die bereits an unterschiedlichen Orten gezeigt wurde, ist als Teil der Ausstellung an der Goebenstraße vor dem Museum installiert. Hier stehen mit Ackererde befüllte karierte Kunststofftaschen verteilt, in denen sich über die Laufzeit der Ausstellung hinweg eine eigene, spontane Vegetation entwickeln wird. Diese entspringt Samen, die bereits in der Erde enthalten sind, oder solchen, die vom Wind zugetragen werden. Weinberger spricht dabei von einer Ruderal Society. Die Behältnisse in Form der Taschen sind dabei bewusst gewählt. Als so genannte „Migrantentaschen“ bekannt, verdeutlichen sie, wie die Vermischungen von Ökosystemen, die Ausbreitungen von Pflanzenarten und die Migration von Menschen und Kulturen untrennbar zusammenhängen.

Den Blick auf die Prozesse und Schöpfungsvorgänge in der Natur schärft auch die große Wandzeichnung Wege (2005/2026) im Marta-Dom. Weinberger übertrug die Fraßgänge von Borkenkäfern in eine rote Zeichnung, die stark vergrößert und bewusst „unordentlich“ auf die geschwungene Innenwand des Gehry-Baus gemalt wurde. Die Spuren eines natürlichen Prozesses werden zum Sinnbild verborgener Wegesysteme. Die Autorenschaft der so entstandene Zeichnung teilen sich Mensch und Tier in kollaborativer Arbeit.

Das Verhältnis von Mensch, Natur und Umfeld, ist auch immer wieder Anknüpfungspunkt Weinberges poetischen Textarbeiten, die in Gedichten oder Inschriften topografischer Kartenzeichnungen (Field Works) Form finden.

Debris Field (2010-2016) lautet der Titel einer Sammlung von Objekten, die Weinberger in und um das elterliche Bauernhaus in Stams, Tirol, zusammentrug und 2017 erstmals auf der documenta 14 in Athen als künstlerisch aufbereitetes, archäologisches Archiv ausstellte. Die Arbeit umfasst rund 1000 Fundstücke, von Werkzeugen, Kleidungs- und Schriftstücken über Haushaltsobjekte, religiöse Artefakte und mumifizierte Tierkadaver, sowie Notizen und Zeichnungen des Künstlers. Weinberger nahm die Spuren einer ungeschriebenen Geschichte dieses Ortes auf, die sich vom 14. bis ins 20. Jahrhundert erstreckt und in seinem Werk eine anthropologische und gleichsam ästhetische Perspektive eröffnet.

Die lebendige und mit dem Raum agierende Inszenierung der Arbeiten Lois Weinbergers ist der Zusammenarbeit mit Franziska Weinberger zu verdanken. Die Kunsthistorikerin und Ehefrau des verstorbenen Künstlers arbeitete an zahlreichen Projekten eng mit ihm zusammen und verantwortet die Reinszenierung installativer Arbeiten im Sinne des Künstlers für diese Ausstellung.

Über die ausgestellten Werke hinweg gibt die 2025 erstmals auf dem Viennale Filmfestival  in Wien präsentierte Dokumentation Lois Weinberger – Ruderal Society des Regisseurs Markus Heltschl einen noch breiteren Einblick in Weinbergers Werk. Der Film wird in Ausschnitten in der Ausstellung präsentiert und während der Laufzeit an mehreren Terminen in voller Länge (96 Min, OmdU) gezeigt.

Die Erforschung von Material und Prozess

Im Werk von Katinka Bock stehen die Aufmerksamkeit für das Material und seine Eigenschaften, Veränderungsmöglichkeiten, sowie sein Verhältnis zum Menschen im Vordergrund. Prägend sind dabei einerseits die Materialien, die natürlichen oder klassisch bildhauerischen Ursprungs sind: Kupfer, Keramik, Holz, Stein und Bronze. Die Künstlerin greift zudem auf archaische, handwerkliche Techniken, etwa Biegen, Wickeln und Falten, Verdampfungen oder Oxidationen als Gestaltungsmittel zurück, bei denen prozessbedingte Zufälle und Spuren bewusst involviert werden. So sind es unter anderem Grundformen wie Flächen, Kreisesegmente oder Stangenkonstruktionen, aber auch Löffel, Zirkel und Nadeln als Basisinstrumente, die Bock immer wieder für ihre Werke nutzt.

Die für die Ausstellung neu geschaffene Arbeit One of Hundred (Segments with Unknown Radius) (2026) entstand unter Mitwirkung der Marta Freunde und Förderer, dem Freundeskreis des Museums. Die Bodenarbeit besteht aus einem Ring aus hundert verschieden großen Kupferplatten, die in den vergangenen Monaten in den Haushalten und Gärten der teilnehmenden Personen lagen, um hier Spuren aufzunehmen. Die entstandenen Abdrücke der Witterung oder Oxidations- und Materialreaktionen bilden die Patina des Kunstwerks, das in der Ausstellung wie eine soziale Plastik durch die Mitarbeit der beteiligten Mitglieder fungiert. Dabei gibt die Künstlerin im Entstehungsprozess des Werkes bewusst Kontrolle ab und bezieht die Menschen aus dem Kontext des Marta ein. Ihre einzige Vorgabe: Die Spuren sollten nicht künstlich oder manipulativ hergestellt werden.

Eine weitere neue Arbeit von Katinka Bock geht eine direkte Verbindung mit dem Museumsgebäude ein. Die Gruppe Population Churchill (2026) basiert auf einer Recherche der Künstlerin im chinesischen Hangzhou.  Der Name der Nähmaschine Churchill wird untersucht, die Maschine selbst zerlegt  und in Bronze gegossene Einzelteile wurden auf in Metall übertragene Werkstattböcke aufgesockelt. Neben ihrer skulpturalen Praxis hat Katinka Bock stetig fotografiert und auch für diese Ausstellung ist eine neue Serie aus der Maschinen-Recherche entstanden.

Die Nähmaschine bildet eine ideelle Verbindungslinie zum Museum Marta Herford: Dessen Gehry-Architektur fügt sich um einen Altbau, in dem ehemals Textilien hergestellt wurden. Analog dazu findet auch eine räumliche Verbindung mit dem Gebäude statt: Durch eine Kupferleitung, die sichtbar mit dem Wassersystem des Gebäudes und damit der zentralen Infrastruktur verbunden ist, tropft in regelmäßigem Rhythmus Wasser in die Skulpturengruppe. Takt, Zeit und schlussendlich auch Historie werden zu Faktoren des Werks, das verschiedene Sinnesebenen anspricht und letztlich mit dem Wasser, das weiter auf den Boden tropft, auch selbst wieder Spuren in das Gebäude einschreiben wird.

Kartographien des Wachstums – Eine Ausstellung im Wandel

Lois Weinberger wie auch Katinka Bock finden in ihrem Werk poetische Formen des Ausdrucks, die das Verhältnis von Natur, Material und Mensch beschreiben und in Frage stellen. Sie geben Zufällen und Kollaborateuren (menschlicher wie natürlicher Art) Raum. In abstrakten Kartographien fangen sie Spuren, Beobachtungen und vergehende Zeit ein. Auch, wenn auf der einen Seite ökologische, auf der anderen Seite technisch-chemische Herangehensweisen bedeutend sind, eröffnen die Werke auch eine intensive sinnliche Erfahrung.

Beide künstlerischen Positionen treten in unmittelbaren Dialog mit dem Gebäude und seinem Außenraum. Wachstum und Veränderung werden bewusst zugelassen: Wasser breitet sich im Innenraum aus, Pflanzen entwickeln sich im Außenraum weiter. So werden museale Konventionen hinterfragt und verschoben. Der Museumsraum wird die gesamte Laufzeit über von natürlichen Prozessen durchdrungen, während sich die Ausstellung zugleich in den Stadtraum ausdehnt.

Mit freundlicher Unterstützung
Kunststiftung NRW, Österreichisches Bundesministerium Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport, Institut Français, République Française

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Ausstellungsinformation

Künstlerische Leitung
Kathleen Rahn (Kuratorin der Ausstellung, Direktorin Marta Herford)

Koordination
Friederike Korfmacher (Assistenzkuratorin)

Exponate
Rund 50 Werke von Lois Weinberger und Katinka Bock, darunter Skulpturen, raumgreifende Installationen im Innen- und Außenraum, Malereien, Fotografien und Filme

Ausstellungsfläche

Gehry-Galerien: ca 1200 qm

Laufzeit
7. 2. – 7. 6. 2026

Ausstellungsort
Marta Herford, Goebenstraße 2–10, D-32052 Herford

Öffnungszeiten
Di–So und an Feiertagen 11 bis 18 Uhr, Mi 11 bis 20 Uhr
am 24./ 25./ 31. 12. sowie Karfreitag geschlossen
am 26. 12. 11 bis 18 Uhr, Neujahr ab 13 Uhr geöffnet

Kontakt/Infos
www.marta-herford.de, info@marta-herford.de
Tel.: +49-5221-99 44 30-0
Fax: +49-5221-99 44 30-23
info@marta-herford.de

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Kontakt

Jana Mareike Lehnert
+49 (0)5221 994 430-27
presse@marta-herford.de

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