Im Rahmen der Ausstellung Mohamed Bourouissa – Pour Noubia liest der Herforder Literaturkenner und Buchhändler Dirk Strehl aus dem umfangreichen Werk der algerischen Schriftstellerin Assia Djebar (*1936 in Cherchell, Algerien, † 2015 in Paris). Wie Bourouissa es in der Kunst schafft, so vermochte Djebar es in der Literatur, sich selbst wie auch den Figuren ihrer Erzählungen Sichtbarkeit zu verschaffen, vor dem Hintergrund kolonialer Geschichte und Strukturen. Direkt im Ausstellungsraum wird Dirk Strehl Djebars beeindruckendes Werk und Leben vorstellen.
Assia Djebar war und ist die bekannteste Autorin aus Algerien. Sie entstammte einer berberischen Familie, ihr Vater war Lehrer an einer französischen Kolonialschule. Sie sprach und schrieb Französisch und es dauerte, bis sie sich von ihren kolonialen Wurzeln befreite und auch in Arabisch und ihrer Berbersprache schrieb. Sie war die erste Algerierin und muslimische Studentin an einer französischen Eliteuniversität. Sie nahm an Protesten gegen die französische Kolonialpolitik teil und musste daraufhin die Universität verlassen. Mit 21 Jahren erschien ihr erster Roman, aus Rücksicht auf ihre Eltern, unter ihrem späteren Künstlerinnennamen Assia Djebar (Assia bedeutet Trost und Djebar Unabhängigkeit). Sie schrieb über die Situation arabischer Frauen im damals noch kolonialisierten Algerien. Sie lebte sowohl in Algerien als auch in Paris. Aus politischen Gründen durfte sie später nicht mehr nach Algerien einreisen. Danach hatte sie dann für einige Jahre einen Lehrstuhl in den USA.
All ihre Romane handeln von der Emanzipation der Frau, als Auflehnung gegen das Patriarchat. Außerdem drehte sie mehrere Dokumentarfilme über die Lebenswirklichkeit in Algerien. Im Jahr 2000 wurde ihr der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. In der Begründung stand: „Sie hat in ihrem Werk ein Zeichen der Hoffnung gesetzt für die demokratische Erneuerung Algeriens, für den inneren Frieden in ihrer Heimat und für die Verständigung zwischen den Kulturen. Den vielfältigen Wurzeln ihrer Kultur verpflichtet, hat Assia Djebar einen wichtigen Beitrag zu einem neuen Selbstbewusstsein der Frauen in der arabischen Welt geleistet.“
Assia Djebar selbst fasste ihr Schaffen wie folgt ein: „Ich wurde in einem muslimischen Glauben erzogen, der seit Generationen der Glauben meiner Vorfahren war, der mich emotional und geistig geprägt hat und gegen den ich mich, eingestandenermaßen, auflehne wegen seiner Verbote, aus denen ich mich bisher nicht völlig lösen konnte. Ich schreibe also, doch auf Französisch, in der Sprache des ehemaligen Kolonisators, die jedoch, und zwar unverrückbar, zur Sprache meines Denkens geworden ist, während meine Sprache der Liebe, des Leidens und auch des Gebets (manchmal bete ich) das Arabische, meine Muttersprache, ist. Und da ist noch die berberische Sprache meiner Heimatregion…, eine Sprache, die ich nicht vergessen kann, deren Rhythmus mir stets gegenwärtig ist…, in der ich, ohne es zu wollen, in meinem Innern „Nein“ sage; als Frau und vor allem in meinem andauernden Bemühen als Schriftstellerin.“ (Assia Djebar, bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Oktober 2000)
Dirk Strehl ist Literaturkenner, Sprecher und Buchhändler. Nach einer Ausbildung zum Gärtner, einem Intermezzo als Tierpfleger im Zoo, Schichtarbeit in einer Brauerei mit alkoholischer Gefährdung, Fachabitur und Abitur folgte ein Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie. Das wurde jäh beendet und führte direkt in die Selbstständigkeit als Buchhändler. Die Berufung begleitet ihn jetzt schon seit über 40 Jahren. Mit literarischem Wissen ausgerüstet ist er seit nunmehr als 15 Jahren als Sprecher allein oder mit Musiker*innen unterwegs, um Literatur und Freude zu verbreiten.
Ticket:
im Ausstellungseintritt enthalten
