Der Herforder Appell

Am 14./15.09.2018 fand im Marta Herford ein zweitägiges Symposion zum Thema Bild- und Urheberrechte statt. Aus den zahlreichen Beiträgen und Diskussionen dieses Wochenendes resultiert nun der „Herforder Appell“, der die Forderungen zu einer juristischen Neuordnung für die Nutzung von Abbildungen im wissenschaftlich-künstlerischen Umfeld zusammenfasst.

 

Die „Münchner Note“ war für das Anliegen einer verantwortungsvollen Sichtbarmachung von Kunstwerken im digitalen Raum ein entscheidender Schritt. Doch die Diskussion und auch juristische Weichenstellungen gehen weiter, sodass wir auf der Basis des Herforder Kongresses die Notwendigkeit für einen nächsten Schritt sehen. Der „Herforder Appell (hier auch als PDF)“ führt einige Fragen konkret weiter und bezieht Stellung zu den essentiellen Punkten des aktuellen Bild- und Verwertungsrechts.

Zahlreiche Personen aus dem Kreis der Referierenden wie des Publikums haben sich als Erstunterzeichner mit diesen Forderungen solidarisch erklärt. Wir freuen uns auch weiterhin über jede*n, die*der sich diesem Aufruf anschließt. Am Ende dieser Seite finden Sie einen kurzen Hinweis zum diesbezüglichen Vorgehen. Hier nun der genaue Wortlaut:

 

Herforder Appell

zur Neuregelung der Abbildungs- und Urheberrechte an Kulturgütern

 

Auf der Basis einer zweitägigen Konferenz im Marta Herford formulieren Museen, Forschungseinrichtungen, Wissenschaftler*innen und Künstler*innen diesen Appell an Politik und Gesetzgebung, um die Wissenschaftsfreiheit, das allgemeine Zitatrecht, die öffentliche Zugänglichkeit von Kulturgütern sowie die gerechte Entlohnung von Kulturschaffenden nachhaltig zu sichern. Zur Beendigung von Rechtsunsicherheiten und gegen jeglichen Versuch, über die Bildrechte die Rezeption von Werken zu steuern und einen freien Diskurs zu verhindern, appellieren die Unterzeichnenden an Bund und Länder, auf nationaler wie europäischer Ebene die gesetzlichen Voraussetzungen wie folgt anzupassen:

    1. Im Rahmen der Wissenschaftsfreiheit (Art. 5 Abs. 3 GG) ist eine Stärkung des Zitatrechts für Bilder dringend geboten. Jegliche Abbildung eines (auch urheberrechtlich geschützten) Werkes sollte sowohl analog als auch digital frei und unabhängig von den Bezugsquellen kostenfrei verwendbar sein, wobei sich Art und Umfang des erlaubten Bildzitats aus dem Ziel der jeweiligen wissenschaftlichen Argumentation ergeben. Die bisher oft unklaren und von den Inhabern der Bildrechte vielfach sehr restriktiv praktizierten Regeln sind zugunsten von Standards zu modifizieren, die das wissenschaftliche Arbeiten uneingeschränkt und rechtssicher erlauben. Dazu gehört auch die freie Nutzung von digitalen Framing/Embedding-Techniken.
    2. Die Vergütung der urheberrechtlichen Interessen sollte sich maßgeblich aus den Einnahmen einer „Kulturabgabe“ speisen, die deutlich höher als bereits praktiziert auf alle bildproduzierende und -reproduzierende Hardware (beim Verkauf, bei der Miete), Services und Plattformen (als Teil der Nutzungsgebühr, als Pauschalabgabe) erhoben wird. Museen, Bibliotheken, Archive und vergleichbare Einrichtungen sollten von diesen Abgaben grundsätzlich befreit sein. Die zentrale Verteilung der vereinnahmten Mittel muss über die zu einer öffentlichen Vergütungseinrichtung weiterentwickelte VG Bild-Kunst erfolgen. Im Gegenzug werden die von Lizenzgebühren entlasteten Institutionen und Initiativen dazu verpflichtet, die eingesparten Mittel für eine stärkere Honorierung künstlerischer Aktivitäten in ihren Einrichtungen zu nutzen.
    3. Es ist zu verhindern, dass bereits gemeinfreie Werke über ihre Digitalisierung oder ähnliche nichtkreative Bearbeitungen der Gemeinfreiheit wieder entzogen werden. Sacheigentum und Besitz eines gemeinfreien Werkes dürfen keinen Einfluss auf dessen Reproduktionsrechte haben. Die freiwillige Überführung von noch geschützten Werken in die Gemeinfreiheit wird durch eine angemessene Vergütung künstlerischer Leistungen an einem sehr frühen Punkt der Verwertungskette erleichtert. In öffentlichen Museen sollte das private, nichtprofessionelle Fotografieren grundsätzlich erlaubt sein.
    4. Werke in öffentlichem, also von der Allgemeinheit finanziertem Eigentum dürfen von der jeweiligen öffentlichen Institution im Zuge einer Bereichsausnahme in jeder Reproduktionsform frei genutzt werden. Ihrem Bildungsauftrag können öffentliche Einrichtungen nur angemessen nachkommen, wenn sie ihre Werke z. B. online öffentlich zugänglich machen oder im Zuge museumspädagogischer Programme unbeschränkt nutzen können. Der Sonderstatus von Werken in öffentlichem Eigentum muss (im Rahmen bestehender Urheberpersönlichkeitsrechte) dadurch gestärkt werden, dass Urheber bzw. deren Rechtsnachfolger Reproduktionen davon künftig nicht mehr verhindern können und dass insbesondere keine neuen Rechte durch den Digitalisierungsprozess entstehen. Lediglich die Verwendung in kommerziellen Zusammenhängen (Museumsshop o.ä.) ist von der Bereichsausnahme ausgenommen.

    Die Unterzeichnenden appellieren an Politik und Gesetzgebung, für diese Forderungen umgehend die adäquaten Rahmenbedingungen zu schaffen.

    Herford, im März 2019

     

 

Wenn auch Sie diesen Appell mit unterzeichnen wollen, so senden Sie bitte eine E-Mail an presse @ marta-herford.de, in der Sie kurz die Form Ihrer Nennung nach dem Schema Name, Berufsbezeichnung, Institution und Ort aufführen. Wir ergänzen diese Liste in regelmäßigen kurzen Abständen.

 

Unterzeichnende

Roland Nachtigäller, Direktor, Museum Marta Herford
Dr. Wolfgang Ullrich, Kunsthistoriker, Leipzig
Dr. Lucas Elmenhorst M.A., Rechtsanwalt und Notar, Kunsthistoriker, Berlin
Prof. Dr. Ellen Euler, LL.M., Professorin, University of applied sciences FHP, Potsdam
PD Dr. Dr. Grischka Petri, Kunsthistoriker und Jurist, Universität Bonn
Dr. Arie Hartog, Direktor, Gerhard-Marcks-Haus, Bremen
Nils Pooker, Künstler, Kiel
Anke von Heyl, Kunsthistorikerin, selbständig, Frechen
Susanne Titz, Direktorin, Museum Abteiberg, Mönchengladbach
Prof. Dr. Christiane Lange, Direktorin, Staatsgalerie Stuttgart
Barbara Bergmann, Direktorin, SCHAUWERK Sindelfingen
Felix Krämer, Generaldirektor, Kunstpalast Kulturzentrum Ehrenhof, Düsseldorf
Dr. Petra Oelschlägel, Leiterin, Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach
Dr. Christine Vogt, Direktorin, LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Angelika Thill, Lektorin, Thill Verlagsbüro, Köln
Dr. Christine Schönebeck M.A., Museumsleiterin, Stadtmuseum Lippstadt
Dr. Gerhard Finckh, Kunsthistoriker, Von der Heydt-Museum, Wuppertal
Anja Dorn, Direktorin, Leopold-Hoesch-Museum & Papiermuseum, Düren
Marcus C. Boxler, Kurator/Projektleiter, Zentrum für Internationale Lichtkunst, Unna
Sabine Ehlers, Künstlerin, BBK-OWL Bielefeld
Sabine Martiny, Malerin, Europakandidatin der Piratenpartei
Mona Schäfer, Künstlerin/Kunsthistorikerin, K14-KünstlerInnengruppe, Paderborn
Dr. Sabine Ladwig, Verlagsservice
Cara Maul, Kunsthistorikerin, Hamburg
Lukas Weking, Unternehmensberater, Hamburg
Marina Schuster, Leiterin Presse, Kunstpalast Kulturzentrum Ehrenhof, Düsseldorf
Dr. des. Sabine Weichel, Kulturwissenschaftliche Fakultät, Universität Paderborn
Prof. Dr. Nils Büttner, Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte, Stuttgart
Peter Gorschlüter, Direktor Museum Folkwang, Essen
Stefan Fischer M. A., Kunsthistoriker, Ebenhausen
Dr. phil Susanne Gottlob, Psychoanalytikerin, Essayistin, Hamburg
Prof. Dr. Stephan Berg, Intendant Kunstmuseum, Bonn
Dr. Felicia Rappe, stellvertretende Direktorin Museum Abteiberg, Mönchengladbach
Hans-Jürgen Schwalm, Direktor, Museen der Stadt Recklinghausen
Holger Otten, Kurator, Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen
Matthias Mühling, Direktor, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Dr. Henning P. Jürgens, Koordinator Work Package 2 EU Forschungsprojekt „RETOPEA“, Leibniz-Institut für Europäische Geschichte
Kai Eric Schwichtenberg, Kulturblogger (retrospektiven.art), Münster
Markus G. Oh, Inhaber, Fotostudio Gin Oh, Herford
Tanja Kemmer, Kunsthistorikerin, Bielefeld
Prof. Dr. Frank Hartmann, Professor Visuelle Kommunikation, Bauhaus-Universität Weimar
Franca Perschen & Helmut Reinelt, kulturbuero nr5 GbR, Rheinbreitbach
Dr. Dagmar Kronenberger-Hüffer, Kuratorin, HeinrichNeuyBauhausMuseum, Steinfurt-Borghorst
Dr. Kinga German, Kunsthistorikerin und Associate Professor, Moholy-Nagy Universität für Kunst und Design Budapest
Dr. Damian Kaufmann, Kunsthistoriker und Webdesigner, Bramsche
Dr. Uta Husmeier-Schirlitz, Direktorin, Clemens Sels Museum Neuss
Prof. Dr. Johannes Grave, Kunsthistoriker, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Prof. Dr. Holger Simon, Geschäftsführer, Pausanio GmbH & Co. KG, Köln
Kim Behm, Kunsthistorikerin, Mannheim
Dr. Friedrich Meschede, Direktor, Kunsthalle Bielefeld
Thomas Thiel, Direktor, Museum für Gegenwartskunst Siegen
Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V., Bonn
Prof. Dr. Stephan Hoppe, Professur für Bayerische Kunstgeschichte, LMU München
Prof. Dr. Günther Görz, Prof. i. R., FAU Erlangen-Nürnberg, Dept. Informatik, AG Digital Humanities, Erlangen und Bibliotheca Hertziana, MPI für Kunstgeschichte, Rom
Dr. Christine Litz, Museum für Neue Kunst, Städtische Museen Freiburg
Katarina Lozo, wiss. Mitarbeiterin, Albertinum Dresden
Eva Authried, Kunsthistorikerin, Mainz
Prof. Dr. Hubertus Kohle, Kunsthistoriker, Institut für Kunstgeschichte, LMU München
Dr. Georg Schelbert, Kunsthistoriker, Humboldt-Universität zu Berlin
Dr. Ralph Paschke, Kunsthistoriker, Denkmalpfleger i.R., Berlin
Ulrike Blumenthal, Kunsthistorikerin, Paris